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Wandschneiders Diplomarbeit

DIE WELT DES SPORTS

Wandschneiders Diplomarbeit

VON VOLKER KOCH

In der modernen Sportsprache heißt so etwas „big points“ : Im ersten Aufeinandertreffen mit einem direkten Konkurrenten im Abstiegskampf glückte dem TSV Dormagen mit 27:24 über Balingen sein zweiter Saisonsieg.

 

 

Als gebürtiger Hamburger liebt Kai Wandschneider das Understatement. Obwohl ihm seine Schützlinge acht Tage vor seinem 49. Geburtstag das wohl schönste vorgezogene Geschenk machten und die erstenzwei Punkte gegen einen direkten Konkurrenten im Abstiegskampf der Handball-Bundesliga einfuhren, erging sich der Trainer des TSV Dormagen nach dem 27:24-Sieg (Halbzeit 16:13) über die HBW Balingen-Weilstetten nicht in Jubelarien:

„Wir haben uns sehr genau auf dieses Spiel vorbereitet, fast zwei Wochen lang“, bekannte er auf der Pressekonferenz, „ich denke, Rolf Brack würde meine Vorbereitung als Diplom-Arbeit an der Uni annehmen.“

Der Angesprochene machte gute Miene zum verlorenen Spiel. Denn zum Lachen war Dr. Rolf Brack, seit vier Jahren auf der Trainerbank der wackeren Schwaben, noch viel länger Sportwissenschaftler an der Universität Stuttgart, am Samstagabend nicht unbedingt zu Mute.

Eher schon zu Galgenhumor: „Glückwunsch an Dormagen, mit diesem Spiel ist die Abstiegsfrage geklärt“, meinte der 54-Jährige und rechnete gleich vor, warum: „Das war unsere letzte Chance, in der Hinrunde zu punkten, denn ab jetzt spielen wir nur noch gegen Spitzenteams. Und wenn man in der Hinrunde nur sechs Punkte holt, steigt man ab.“

Ein Körnchen Wahrheit mag drin sein in dieser bitteren Ironie des schwäbischen Taktiktüftlers. In der Tat haben die Balinger bereits alle direkten Duelle mit den Kellerkindern hinter sich, fuhren aus den sechs Aufeinandertreffen ebenso viele Punkte durch Heimsiege über Wetzlar, Melsungen und Essen ein.

Dem stehen Niederlagen gegen Minden und bei den Neulingen in Stralsund und Dormagen entgegen. „Solche Spiele haben wir in den vergangenen beiden Jahren immer gewonnen“, bekannte Brack.

Diesmal taten sie es nicht, weil sie auf einen TSV Dormagen trafen, der sich nicht nur bestens vorbereitet hatte. Die Akteure des Aufsteigers waren auch auf die Minute genau fit - vor allem im Kopf. Denn sie hielten nicht nur dem Druck stand, der angesichts des vorentscheidenden Charakters der Partie auf ihnen lastete.

„Sie haben auch alle Rückschläge weggesteckt“, freute sich Wandschneider über die ungeahnte mentale Stärke seiner Schützlinge. Und Rückschläge gab es genug für die Hausherren in ungemein intensiven, spannenden, aber auch niveauvollen sechzig Handballminuten.

Der Wechselfehler von Nils Meyer etwa, der im Verbund mit der nachfolgenden Zeitstrafe für Tobias Plaz den Dormagenern fast zwei Minuten in doppelter nummerischer Unterzahl bescherte - Balingen nutzte die Einladung, um von 10:13 (24.) auf 12:13 (26.) zu verkürzen.

Den direkt verwandelten Freiwurf, den Trainersohn Daniel Brack mit dem Pausenpfiff zum 15:16 in die Dormagener Maschen setzte. Und die Tatsache, dass die Hausherren 50 Minuten lang quasi ohne Torhüter agierten: Je zwei Bälle hatten Vitali Feshchanka und (ab der 26. Minute) Joachim Kurth bis dahin gehalten.

Dass Kurth dann in den letzten neun Minuten noch fünf Paraden nachreichte, ließ seine Vorderleute noch auf eine Siegerstraße einbiegen, die sie fast schon verpasst zu haben schienen.

Schließlich hatten die nimmermüden Balinger den ersten Vier-Tore-Rückstand (17:21, 40.) klaglos weggesteckt und fünf Minuten später beim 21:21 den ersten Gleichstand seit dem 7:7 (15.) hergestellt - auch, weil die Dormagener in dieser Phase gleich vier Mal am nach der Pause eingewechselten Ex-Nationaltorhüter Christian Ramota scheiterten. „Da habe ich mir Sorgen gemacht“, gestand Wandschneider.

Dass die Falten auf seiner hohen Stirn nicht tiefer wurden, dafür sorgten zwei seiner Schützlinge: Christoph Schindler, im Dezember 2006 aus Balingen nach Dormagen gewechselt, machte gegen den Ex-Klub sein bestes Saisonspiel und ließ den TSV mit drei Treffern zwischen der 48. und 57. Minute wieder auf 27:23 davonziehen.

Für Szabolcs Laurencz hingegen war es das beste Spiel überhaupt, seit er vor drei Jahren aus Ungarn an den Höhenberg kam -vielleicht sogar das beste seiner Laufbahn. Wann er zuletzt neun (!) Tore in einer Partie erzielt hatte, daran konnte sich der Linkshänder kaum erinnern: „Das muss schon lange her sein.“

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