DIE WELT DES SPORTS
"Wir kriegen das in den Griff"
VON VOLKER KOCH - Dormagens scheidender Bürgermeister Heinz Hilgers dem Handball-Bundesligisten Unterstützung in Sachen Finanzprobleme signalisiert, macht sich in der Sportpolitik Bestürzung breit. Ein Stimmungsbild.
Eigentlich möchte Uli Derad gar nichts zum Thema sagen. Obwohl er das Geschehen am Höhenberg aus 600 Kilometer Entfernung aufmerksam verfolgt. "Immerhin war ich über zehn Jahre in verantwortlicher Position tätig", sagt der neue Manager des THW Kiel. Die Meldungen über den drohenden Finanzkollaps des TSV (Bayer) Dormagen hat der frühere Hauptgeschäftsführer mit Verwunderung und Bestürzung aufgenommen.
Nicht nur, weil er am Sonntag beim Gastspiel seines neuen Arbeitgebers im TSV-Sportcenter als Mannschaftsverantwortlicher auf der Bank des Deutschen Rekordmeisters sitzt, lässt sich der 44-Jährige dann doch zu einer Feststellung hinreißen: "Wir haben die Lizenz bekommen, und wir haben sie rechtmäßig bekommen. Aber es war immer schwierig, und man muss arbeiten wie ein Pferd, um das zu schaffen." Mehr möchte er dann aber wirklich nicht sagen, außer der Frage: "Warum haben die mich nicht mal angerufen?".
Auch Frank Bohmann gibt sich wortkarg. Der Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL) ist ein gebranntes Kind. Schließlich hatte er gehofft, dass nach den Pleiten der vergangenen Spielzeit in Nordhorn, Essen und Willstätt Ruhe einkehrt im Profi-Handball, nicht zuletzt dank des verschärften Lizensierungsverfahrens, an dessen Zustandekommen auch Uli Derad als HBL-Vizepräsident Finanzen beteiligt war. Und jetzt, gerade mal zwei Wochen nach Saisonbeginn, wird in Flensburg, Gummersbach und Dormagen nur über Finanzlücken, Sparmaßnahmen und Gehaltskürzungen gesprochen. "Ich kann mich zum Thema Dormagen nicht äußern, dazu bin ich zu tief involviert", bittet Bohmann auf Anfrage der NGZ um Verständnis, "ich kann eigentlich nur einen Allgemeinplatz beisteuern: Ich hoffe, dass alles gut geht." Ob die Lage am Höhenberg besorgniserregend für die HBL sei, möchte er gleichfalls nicht bewerten: "Ich gehe davon aus, in den nächsten Tagen die von mir angeforderten Unterlagen zu bekommen. Erst dann kann ich mir ein wirkliches Bild machen." So wie Bohmann geht es den meisten. "Ich kenne den Vorgang nur aus der Presse", sagt Dieter Welsink. Der Vorsitzende des Kreissportausschusses erhofft sich nähere Erkenntnisse von einem für heute Abend angesetzten Gespräch des TSV mit seinen Sponsoren, zum dem er als Geschäftsführer der medicoreha geladen ist. Als Politiker hält er die "Entwicklung für ausgesprochen bedauerlich, es entsteht ein Schaden für den gesamten Sport, wenn wir keinen Handball-Bundesligisten mehr haben." Welsink regt an, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht nur in Dormagen genau zu analysieren: "Im Spitzenbereich zählen nur die, und wenn die bei uns nicht entsprechend sein sollten, wird es schwer, erstklassigen bezahlten Sport zu bieten. Dann werden wir uns noch stärker auf die so genannten Nischen konzentrieren müssen."
Das wäre allerdings nicht im Sinne von Jürgen Steinmetz. Der Wirtschafts- und Sportdezernent des Rhein-Kreises misst dem Erstliga-Handball "eine herausragende Bedeutung zu, was die Publikums-, aber auch die Medienresonanz angeht. Das ist auch Standortwerbung für uns." Er will deshalb "den eingeschlagenen Weg" fortsetzen und versuchen, in der Wirtschaft "ein paar Türen zu öffnen. In erster Linie ist aber der Verein selbst gefordert."
Auch Heinz Hilgers sieht die herausragende Stellung, die der Bundesliga-Handball besitzt: "Die 17 größten Sportveranstaltungen im Rhein-Kreis haben alle im TSV-Sportcenter stattgefunden", sagt er mit Blick auf die 17 Heimspiele des TSV in der vergangenen Saison. Der scheidende Dormagener Bürgermeister ist überzeugt, dass trotz der momentanen Probleme dort nicht die Lichter ausgehen: "Wir kriegen das in den Griff." Dazu will er sich auch selbst einbringen und in den nächsten Tagen mit demneuen Vereinschef Karl-Josef Ellrich und Heinz Lieven, dem Vorsitzenden des Business-Clubs, "zusammensetzen und bewerten, was man unterstützen und helfen kann." Über zwei Dinge, findet Hilgers, müsse man sich jedoch im Klaren sein: "Ohne Unterstützung der Firmen aus dem Chempark wird der TSV immer nur um den Klassenerhalt und vielleicht auch ein bis drei Jahre in der eingleisigen Zweiten Liga spielen. Weiter nach unten darf es aber nicht gehen." Um das zu erreichen, rät er dringend zur Gründung einer Spielbetriebs- und Marketing GmbH. Die, sagt Hilgers, sei überfällig, bisher aber am Widerstand von Uli Derad gescheitert. Doch der ist jetzt 600 Kilometer weit weg.




