DIE WELT DES SPORTS
Kein Geld, keine Tore
VON VOLKER KOCH - Weil dem TSV Dormagen das Geld fehlt, fehlen dem Handball-Bundesligisten wurfgewaltige Rückraumspieler. Die aber braucht man, um in der Handball-Bundesliga zu überleben – ein Teufelskreis.
Der TSV Dormagen hatte im Spiel gegen Bahlingen große Probleme Schritt zu halten.Einem Nichtraucher-Klub wird Kai Wandschneider wohl nie beitreten. Doch so viele Zigaretten wird der Handball-Lehrer selten nach einem Meisterschaftsspiel geraucht haben wie am Freitagabend nach der 23:27-Niederlage des TSV Dormagen gegen den bis zum Schlusspfiff gleichfalls noch punktlosen Tabellennachbarn HBW Balingen-Weilstetten (die NGZ berichtete).
Vier Wochen vor seinem fünfzigsten Geburtstag sieht Wandschneider sein Lebenswerk sich in ein handballerisches Nichts auflösen. "Und dafür haben wir uns hier neun Jahre lang den A . . . aufgerissen", sagt der frühere Fallschirmjäger, der vom, mit und für Handball lebt, mit Blick auf die höchst ungewisse Zukunft des Bundesliga-Schlusslichts. Hätte Wandschneider drei Wünsche frei zu seinem Jubelfest, er brauchte nicht lange zu überlegen: Ein finanzstarker Sponsor, zwei wurfgewaltige Rückraumspieler und eine Aufhebung des Rauchverbots im Kabinengang, damit er im heraufziehenden Winter nicht immer vor dem zugigen Halleneingang seinem Laster frönen muss.
Wobei: Auf Letzteres würde der gebürtige Hamburger wohl verzichten, würden ihm die beiden anderen Wünsche gewährt. Und das will bei einem Kettenraucher schon einiges heißen. "In der augenblicklichen Verfassung sind wir nicht konkurrenzfähig", stellt Wandschneider mit Blick auf die handballerischen Defizite seiner Schützlinge schonungslos fest. Dabei macht er ihnen noch die geringsten Vorwürfe: "Sie trainieren gut und im Spiel geben sie alles", will er auch nach der Schlappe gegen keinesfalls überragende Balinger festgehalten wissen, "an der Einstellung liegt es nicht." Auch nicht am spielerischen und taktischen Vermögen: Was die Dormagener in dieser Hinsicht bieten, kann sich durchaus sehen lassen, ist mitunter besser und gefälliger anzuschauen als bei der in der Tabellen über ihnen stehenden Konkurrenz.
Bis zu einem, dem im Handball allerdings alles entscheidenden Moment: dem Wurf aufs Tor. Kümmerliche 92 Mal haben sie bislang ins gegnerische Gehäuse getroffen, das macht einen Schnitt von genau 23 Toren pro Spiel. 23 dieser 92 Treffer gehen auf das Konto des am Freitag acht Mal erfolgreichen Christoph Schindller, 17 resultierten aus Strafwürfen. Das bedeutet nichts anderes, als dass die übrigen 13 Feldspieler in vier Spielen zusammen 52 Tore erzielt haben. Nur mal zum Vergleich: Spitzenreiter THW Kiel bringt es pro Partie auf knapp 35 Treffer, selbst Aufsteiger Lübbecke liegt bei einem Schnitt von 28.
Was einmal mehr bestätigt: Geld wirft eben doch Tore. Und Geld scheint beim TSV Dormagen derzeit nur im roten Bereich vorhanden. Wie viel tatsächlich fehlt, um die Saison bis zum wahrscheinlich bitteren Ende zu spielen, wie viele "Altlasten" in den vergangenen Jahren entstanden sind und warum, weiß keiner so genau. Zumindest sagt es keiner so genau.
Stattdessen richten sich die meisten schon auf den GAU, den größten anzunehmenden Unfall, ein. So wie im Mai 2001, als der damals noch als TSV Bayer Dormagen firmierende Klub den Rückzug in die Regionalliga antrat. Der Unterschied: Damals war die Saison fast zu Ende, und damals waren die Dormagener sportlich ohnehin in die Zweitklassigkeit abgestiegen. Das gleiche – sportliche – Schicksal droht ihm auch jetzt, daran scheint auch eine so bald ohnehin nicht zu erwartende Rückkehr des langzeit-verletzten Florian Wisotzki nicht viel ändern zu können. Wirtschaftlich ruhen die Hoffnungen auf dem ehemaligen Hauptsponsor, der Bayer AG. "Unsere Lebensversicherung", wie es der vor zwei Wochen zurückgetretene Vorsitzende Dr. Bertram Anders bis zu deren Ausscheiden vor anderthalb Jahren stets zu sagen pflegte. Doch die Bayer AG war es auch, die 2001 den Rückzug in die Regionalliga "nahelegte" – mancher sagt heute noch: anordnete. Kai Wandschneider saß damals schon auf der Bank, hat den Abstieg erlebt und den Wiederaufbau gestaltet. Kein Wunder, dass er im Moment mehr denn je der darbenden Tabakindustrie auf die Sprünge hilft.




