DIE WELT DES SPORTS
Geld oder Regionalliga
VON VOLKER KOCH -Die Ära des Profi-Handballs unterm Bayer-Kreuz endet unwiderruflich am 30. Juni 2010. Mit der Gründung einer GmbH wollen Heinz Lieven und Heinz Hilgers verhindern, dass dies das Ende des Dormagener Handballs bedeutet.
Heinz Lieven ist ein Freund deutlicher Worte. So hat der Delhovener sein Unternehmen TPG erfolgreich im umkämpften Markt der Personaldienstleister positioniert und um mehrere Tochterfirmen im In- und Ausland erweitert. Und so will Heinz Lieven auch den Profi-Handball in Dormagen vor dem drohenden "Aus" retten: "Entweder wir kriegen das jetzt hin oder das war's für immer", ist er mit Blick auf den 30. Juni 2010 überzeugt.
Dann endet nämlich die Spielzeit 2009/2010. Und danach wird es unwiderruflich keinen Profi-Handball mehr beim TSV Dormagen geben, egal ob mit oder ohne den Zusatz "Bayer" im Vereinsnamen. Das, stellt Karl-Josef Ellrich unmissverständlich klar, hat der Bayer-Konzern zur Bedingung für seine Rettungsaktion gemacht, die das wirtschaftliche Überleben des Handball-Bundesligisten bis zum Saisonende sichert (die NGZ berichtete). "Danach ist Schluss, ein für allemal", sagt der kommissarische TSV-Vorsitzende.
Lieven, dessen Firmenlogo seit Jahren den Trikotrücken ziert, der den "Business-Club" ins Leben rief und dort den Vorsitz innehat, hat daraufhin eine Rettungsaktion gestartet: "Wir dürfen die Handballregion, zu der wir mittlerweile geworden sind, nicht sterben lassen." Ob ihm das glückt, diese Wahrscheinlichkeit will der Unternehmer, der mit Leidenschaft Pferde züchtet, nicht in Prozenten beziffern. Doch er sagt: "Die Chance ist da. Ganz so schlecht sind wir nicht aufgestellt."
Das meint Heinz Lieven in finanzieller wie personeller Hinsicht. Denn für sein Vorhaben hat er einen Mitstreiter gefunden, wie er bekannter in Dormagen kaum sein könnte: Heinz Hilgers, bis vor vier Wochen Bürgermeister der "Chemiestadt" und bekennender Handballfan seit Jahrzehnten, will sich in "beratender Funktion" in die zu gründende GmbH einbringen: "Eine offizielle Funktion möchte ich nicht ausüben, davon habe ich schon genug", sagt der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, der gleichwohl zusammen mit Lieven die Modalitäten der GmbH-Gründung ausgetüftelt hat. Drei Gründer, die bereit sind, gemeinsam das Stammkapital von 25 000 Euro aufzubringen, sagt Lieven, hat er schon an Bord, der vierte will sich bis Mittwoch entscheiden. Namen will er erst nennen, wenn der Business-Club auf seiner Sitzung am Montag dem Vorhaben zugestimmt hat. Weil der Verein als Lizenzgeber fungiert – "wir werden fristgerecht bis zum 1. Dezember die Lizenz für die Erste und die Zweite Liga beantragen", sagt Hauptgeschäftsführer Frank Neuenhausen – wird auch der TSV Bayer Dormagen e.V. 26 Prozent der Anteile übernehmen. Dem hat, so Ellrich, die Bayer AG zugestimmt.
Sobald diese GmbH im Handelsregister eingetragen ist, plant Lieven den zweiten Schritt: die Gründung einer GmbH und Co. KG, die in der kommenden Saison dann als Arbeitgeber der Dormagener Handballer fungiert. In welcher Liga, hängt nicht allein vom sportlichen Ausgang dieser Spielzeit ab, sondern ganz wesentlich von den Finanzen. Denn Lieven und Hilgers sind sich einig, "dass es keine finanziellen Kunststücke und Drahtseilakte" mehr geben soll.
Die Rechnung, die Lieven aufmacht ("das sind meine privaten Zahlen, keine offiziellen des Vereins"), ist recht einfach. Er beziffert die Einnahmen aus Sponsoring und Zuschaueraufkommen für die laufende Saison auf 1,2 Millionen Euro. "Dem stehen allerdings Personalkosten von 1,6 bis 1,8 Millionen Euro entgegen, was die derzeitige Unterdeckung erklärt." Und auch, warum der TSV seine Spieler um ihre Unterschriften unter eine "Vertragsänderung" bat, die inzwischen erfolgt sind: "Denn so können wir die Mannschaft nicht mehr finanzieren", sagt Lieven.
Die 1,2 Millionen hat er als Kalkulation für die Zweite Liga angesetzt, "plus 400 000 Euro als Kapitaldeckung für die GmbH und Co. KG, die ja zunächst keine Einnahmen hat". Macht zusammen 1,6 Millionen Euro. "Erreichen wir dieseSumme nicht, wird die GmbH wieder aufgelöst und der Verein spielt in der Regionalliga", stellt Lieven unmissverständlich fest. "Und das anders als vor acht Jahren ohne die Chance auf einen sofortigen Aufstieg", ergänzt Heinz Hilgers. Sollte sportlich der Erhalt der Erstklassigkeit gelingen, plant das Duo mit 2,5 Millionen Euro, davon 600 000 als Liquiditätsrücklage. "Wenn wir weniger erreichen, geht's in der Zweiten Liga weiter", sagt Lieven, "selbst wenn nur 50 000 fehlen sollten." Ein Freund deutlicher Worte halt.




