DIE WELT DES SPORTS
Radprofi – keine Zeit zum Genießen
VON VOLKER KOCH - Es sind nicht nur die Trainings- und Rennkilometer, die den Beruf des Radprofis zu einer harten Sache machen. In der Saison 2010, an deren Ende der Sponsoringvertrag ihres Teams Milram ausläuft, stehen Markus und Thomas Fothen ganz besonders unter Druck. Ein Hausbesuch in Alt-Vorst.
Vorst Nein, Milram-Produkte stapeln sich nicht in der Küche des Neubaus in Alt-Vorst. Etwas verlegen schaut Markus Fothen in Kühlschrank und Vorratskammer nach und meldet schließlich: "Fehlanzeige." So eng ist die Bindung des Radprofis an seinen Hauptsponsor dann doch nicht, als dass nur Produkte aus dem Hause Nordmilch auf den Küchentisch von Jessica und Markus Fothen kämen.
Vielleicht hat es damit zu tun, dass der Sponsoringvertrag zwischen der Nordmilch AG und Gerry van Gerwen, dem Manager des Milram-Radsportteams, am Jahresende ausläuft. Ob er verlängert wird, weiß Markus Fothen nicht. Was er weiß: Dass er selten in seiner ins siebte Jahr gehenden Profi-Karriere derart unter Druck stand wie jetzt.
Druck, den vor allem Gerry van Gerwen ausübt. Der hatte im vergangenen Jahr vollmundig von 25 Saisonsiegen für das Team Milram gesprochen. Sieben sind es geworden, nicht gerade die beste Empfehlung, um den alten Sponsor zum Weitermachen oder einen neuen zum Einstieg zu bewegen. Deshalb hat der Manager die Teamtaktik geändert: "Das nächste Rennen ist immer das wichtigste", sagt Markus Fothen. Soll heißen: Die Saisonplanung ist nicht mehr allein auf eine der großen Rundfahrten ausgerichtet, sondern auf möglichst viele Siege möglichst früh im Jahr.
Zum Beispiel bei der Tour Down Under, die am 17. Januar den ProTour-Zirkus einläutet. Auch für Markus Fothen. Dass er in der oftmals sengenden Sonne Australienstartet, hat sich der 28-Jährige nicht selbst ausgesucht. Die Zeit der Wunschkonzerte ist nämlich vorbei für die Profis im einzig verbliebenen deutschen ProTour-Team. "Eine so straffe Stallregie kannte ich bisher nicht", sagt Markus Fothen. Da klingt ein bisschen Wehmut nach den guten alten Zeiten bei Gerolsteiner mit, wo die Fahrer offensichtlich mehr Freiheit genossen, auch, was ihre Rennplanung anging. "Die Saisonplanung steht", sagt auch sein jüngerer Bruder Thomas, gleichfalls vor Jahresfrist aus der aufgelösten Eifel-Equipe zu den "Milchmännern" gewechselt.
Nicht nur deshalb sind die Zeiten härter geworden für die Brüder, die sich selbst als "generell andere Typen" bezeichnen – nicht nur auf dem Rad, wo Markus der Mann für die Rundstrecken, Thomas der Sprinter und Klassiker-Spezialist ist. Das Team hat einen neuen Trainer verpflichtet, "der uns in den beiden Trainingslagern auf Mallorca ganz schön 'rangenommen hat", sagt Markus Fothen. Neu war auch, dass sie dabei nicht zwischen den Ausfahrten in gepflegten Hotels die Seele baumeln lassen konnten, sondern sich in recht kargen Appartements selbst verpflegen mussten. "Das sollte zur Gruppenbildung beitragen", meint der ältere Fothen-Bruder. Dass die Fahrer das Ganze intern "Guantanamo" getauft haben, sagt eine Menge.
"Der Druck ist größer als in unserem letzten Gerolsteiner-Jahr", sind sich beide einig. Schließlich "will das Team weitermachen, schließlich wollen wir weiter Geld verdienen", sagt Markus Fothen. Zwei, drei Jahre gibt er sich noch im Profigeschäft, "mit 35 will ich nicht mehr im Sattel sitzen. Dann fällt der Hammer." Danach wäre er nicht abgeneigt, den Schweinemastbetrieb des Vaters zu übernehmen,: "Ich bin froh, dass ich meine Ausbildung gemacht habe. Früher haben mich meine Kollegen deswegen komisch angeschaut, heute beneiden mich viele darum", sagt der Diplom-Landwirt, der dem deutschen Radsport eine schwierige Zukunft vorhersagt: "Die jungen Fahrer müssen versuchen, Ausbildung und Sport unter einen Hut zu bringen. Das Risiko, ganz auf Radsport zu setzen, geht doch heute keiner mehr ein." Auch nicht für einen Kühlschrank voll Milram-Produkte.




